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 Volker Lehnert

 Malerei | Biographie | Bibliographie

Clemens Ottnad

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Malerei ist einmal mehr Wildnis, Dschungel, zerfließendes Zeichenmassaker im Farbbett, Weglosigkeit und Unwägbarkeiten gegenüber den Zeichnungen von Volker Lehnert, die als transformatorische Ortsregister angelegt sind, auf konkret bezeichenbare Orte und Reisen zurückgehen, fragmentiert und rekombiniert dennoch Orte der Geschichte und Kunstgeschichte widerspiegeln, Architekturen, die Stadtbilder prägen oder verunstalten, Formalien und Konstrukte, Passanten und Flaneure. Ortlos sind dagegen die neuen Leinwände des Künstlers. Sie berichten mehr vom Unterwegssein, von kalkulierter Ziellosigkeit des Unbewussten, Spurensuche und Fährtenlesen, von hastig aufgeschlagenen Lagern, provisorischen Zeltstätten, den Unter- und Umwegen kulturhistorischer
Entwicklungsgeschichte, von Jurten, Türben, Kibitki, Tipi, Pyramiden nach Chartres und Taut. Dabei werden doch mithin Papierarbeiten den Nomadenvölkern eher zugerechnet, ihr Unmittelbar, auch ihre Flüchtigkeit, und Reisegefährt(e) gegenüber dem Unhandlich der immobilen Leinwände. Ältere, bildvergangene Malgründe, verworfene, Fremde, durchscheinen aber bisweilen die Bildfläche, verschwommene Bilderinnerung, bereits archivierte Vorstellungen, die vom Maler wieder erkundet, neu urbar gemacht werden, Behältnis, Transportmittel, wiederbefülltes Gefäß, in diesem Monolog – des für sich Sprechens – oder dem Mitteilen der anderen Augen Gleichzeitigkeiten entwickeln: Zuvor, Jetzt, Danach; dahinter, inmitten, darüber. Zeichenhaft sind diese Anlagerungen motivisch in den Lagern, Giebelzelten, Blockhütten, provisorisch gezimmerten Fassaden umgesetzt zu sehen, Landschaften in Gebüsch, Gebirge, Gestrüpp, die Silhouetten Waldrand, Raine, Gesteinsformationen, Ideentrials, in Outbacks und Wildwest und dem Cliché wiederkehrender Wirklichkeiten. Vegetation, Verwachsungen, Wucherungen beharren auf die vorgebliche Geschichtslosigkeit der Landschaft – das im Irgendwo aufgeschlagene Lager, die überraschende Unterkunft, das nächtliche Versteck, die Durchreise – und dazwischen die meteoritengleichen Einsprengsel aus dem Kontext gelöster Bauformen, Kulturrisalite, überarbeiteter und stilisierter Chiffrefiguren zwischen Kunst und Comic. Steinerne Umfassungsmauern, geplünderte Königsgräber, erratische Blöcke, zur Unzeit eingeschlagen in die Geisterlandschaft der Farbe. Wesenlose Glücksbären, auch diese Zwillinge, und andere Monstren warten am Rinnstein der Verbindungsstraße, um auf die Reise mitgenommen zu werden, wo doch bekanntlich die Route 66 oder eine ihrer anderen Zahlendreher nichts für derart fußgängerische Entdeckungen bereithält. Ortlosigkeit, da mehrere Orte zugleich in verschiedenen Wahrnehmungsebenen eingeblendet erscheinen, einander überblenden. Scharf konturierte Farbräume geben ausschnitthaft den Blick auf weitere, tiefere Räume frei, nötigen zum Erklimmen der Augenleitern und zum Abstieg, dem beständigen Fokusieren von Nähe und Entfernung, Ziele! Auf der Bilderjagd, im Unterholz, mit Stolpersteinen, Wurzelstöcken, und doch trägt das Frontispiz des Zeltgiebels hier keinerlei Inschrift, Datierung oder Sinnspruch, zeugt von keiner Urheberschaft, keine Heldentaten: das Camp wird aufgeschlagen und wieder abgebrochen, an anderer Stelle neu errichtet, im Dunkel als Himmelszelt mit den eingewobenen Wegsternen. (Der Zeichner lauert seiner Beute auf; das warme Fleisch wird ausgeweidet, auch Erkaltetes später.) Insgeheim weisen jedoch auch diese malerisch gesetzten Collagen auf die Kartierungen der Papierarbeiten zurück, grafische Strukturen und mit den Mitteln der Malerei nachempfundene wie imitierte Industriepapiere fügen sich als großflächige Lagepläne, Malschnipsel, Fundstellenverzeichnis in das komplexe, mehrschichtige Erzählkontinuum, das von Figuren in Landschaften berichtet, seine tragikkommödiantischen Heroen auftreten lässt, sie zwischen beredten Steinquadern verrätselt, die wir anderswoher aus den Zeichnungen oder Druckgrafik von Volker Lehnert, grünlinigem Computerpapier, kritzekleinen Kinderzeichnungen und anderen Versatzstücken papierener Zeit kennengelernt haben. Dort hatten sie sich in einer Art Inszenierung auf der Flächenbühne bewegt, besaßen Aktionsradien nach allen Seiten im Zweidimensionalen (planimetrisch, also in allen Himmelsrichtungen), in der Daraufschau – vielleicht weil die Blätter einfacher zur Hand, ausgebreitet werden können, in Stapeln leben; Malerei nun begegnet in Durchgangsstadien, aufrechtes Gegenüber, angesichtig in Augenhöhe, im Hintereinander der Schichtungen – trotz der isolierten Motivinseln, den Sprüngen innerhalb der Figurvorstellung, verschiedenen Handlungssträngen, die die Leinwandarbeiten auch untereinander verbinden. Die Entzifferung ist mühsam, Zerstückelung. Visuelle Durchgänge: bei rasender Geschwindigkeit der Blick aus dem Fenster (des dahinrasenden Zuges etwa) fliegen Objekte vorüber, Kabellinien und Stahlmasten segmentieren die Wahrnehmung dauerhaft in vertikale und horizontale Streifen, Leitungen oben ansetzend, nach unten durchhängend, nach oben ansteigend, immer wieder, das Rattern der überfahrenen Schwellen untergründig oder anderem Zeitmessen gehorchend, zerschneiden die vorüberfliegenden Bilder (Bild, Bild, Bild) und lassen die Objekte sich erst am anderen Ort wieder materialisieren, mindestens zeitverzögert wieder zusammenfügen. Licht und Farbe verschwimmen unterdessen, gehen in Regen, Tropfengebilde, Nebelentwicklung über, trüben Blick und Erinnerung ein, verdunkeln sich und hellen (vielleicht zunehmend) wieder auf. Der Rhythmus von Gedanken und Worten vermischt sich mit der Geschwindigkeit der Bilderflut, die ungleich getaktet im Reibungswiderstand eigene Vorstellungswirklichkeiten erzeugen. Bildgedächtnisse, Empfindung und Bewusstsein wie im Vorbeiflug, rasender Sammlung von Form, Farbe und ihrer Diffusion, Zeichenbahnen, Neubeginnen. Figuren sind deren Wegbegleiter und Agenten, gleichgültig, ob sie französischer Kathedralportalik, Spielplätzen oder anderen Fantasietumulten entstiegen sind, ortskundig im Darstellungsinneren oder sinnverloren darin umherirrend, Leitlinien, ihre Motive, entfachte Wildheit, schwerelose Wölfe dazwischen suchend, Augensinne in jedem Falle die Zugangsvoraussetzung. Erst Farbschleier geben Gegenstände preis oder verschlucken sie im Malgrund wieder, veratmen sie im – nur rückwärtig sichtbaren – Gewebe zuzüglich Grundierung von Erfahrung und Bewusstsein, ersticken sie, Pinsellineamente pochen neuerlich auf Kontur, ziehen die Koordinaten des Wegenetzes in traumwandlerischen Mühen, Sehweiser über die Leinwand, Wegelager bereitend, bevor die lasierenden Grauschichten – aquarellgleich leicht darüber fließend – zeichenhaft-zeichnerisch Stationen des Vorgeahnten preisgeben und in Malen wieder verschwinden. Zwischenräume Lagerspiel der Vorstellungskräfte.

 

 

Clemens Ottnad

Wegelager

unversehens, ohne einer breiten, ehemals auf Mehrspänner berechneten Hauptallee folgen zu können, oder ihren Nebenachsen eines streng geometrisch gefassten Wegesystems, das unausweichlich auf den Hauptbau des Prunkgartens zuführte, Gleichnis uneingeschränkter Allmacht und mannigfach undurchsichtiger Abzweige davon, auch ohne die leicht ausschwingende Serpentinata des grand walks späterer Zeit, mangels Wegweisung im Irrgarten der Bilder und Bildanmutungen, den Pfad durch Augenwildnisse der Parkstücke zu finden.

mitunter im malerischen Farbendickicht verlieren sich die vorgefundenen Fährten im Hinterland der Fläche oder tauchen umgekehrt daraus empor. Giebel erheben sich, durchfensterte Kuben, Voluten, Amphoren, im Wettstreit mit der Vegetation. Tageslicht wechselt, Weisslinien treten hervor, dunkeln ein, verdämmern hinter Schleiern wolkigen Graues und anderen weich fallenden Tönen und über den in spitzen Winkeln gestellten Zackenparavents lugen die Standarten bemooster Herrscherabbilder hervor, die in diesem Gartenreich einst Wichtigkeit besaßen.

ist die Bildfläche ein Garten? Wird das Papier bestellt, mit Farbe, den Druckformen, den Platten, die wieder verloren gehen können, sich überlagernden Arbeitsprozessen, im Fortschreiten des Wachsens und des Wildwuchses, den Spurenfeldern, mit Händen, des verwandten Werkzeuges und der darüber hinaus wie zufällig glückenden Koinzidenzien? Parkstücke nennt Volker Lehnert eine seit Jahren anhaltende Werkgruppe von Zeichnungen und druckgrafischen Arbeiten, die Reflexionen diverser, meist barocker Parkanlagen widerspiegeln.

aber abgekehrt von den Regularien barocker Formprinzipien scheint sich angesichts der zeichnerischen Recherchen Volker Lehnerts hier ein neues Sharawagdi einzustellen, das besonders schon von englischen Kunsttheoretikern des 18. Jahrhunderts in Analogien zur ostasiatischen Gartenkunst gesetzt wurde, das Ungleichmäßige, Nicht-Reguläre, Asymetrie: sorawaji (jap. nicht regelmäßig seiend), sa rok wai chi (chin. elegante Unordnung), dass Wiedergabe von Natur nicht der Imitation derselben, sondern nur intensiver Empfindung für sie entspringen könne.

im Hinterland labylimbischer Einfallsverkettungen lauern jedenfalls schon die einfältig grinsenden Sandsteinsphingen und ihre bocksbeinigen Begleiter, bekrönen die mürben Balustraden, schmiegen sich an die vom Architekten zur metaphorischen Befüllung vorgesehenen Nischen. Plötzlich verschwinden sie, werden wieder Wegenetz, die stillen Beobachter im Bild und der Betrachter des Bilds machen gemeinsame Sache, treffen auf Umwegen aufeinander; ein gelber Fratzengnom auf einem Sockel und körperlos zerteilt der Kavalier mit dem Zylinder.

nicht querfeldein. Malerisch, wie Malerei ist Druckvorgang und Ergebnis angelegt, sukzessiver Bildaufbau, Form ergänzt Form, Farbe Farbe, Licht das Dunkel, setzt sie zurück, macht sie verschwinden, geschlossene Fläche und offene Farbporen, glatt gegen rauh, glänzend gegen matt. Den in offener Kontur umrissenen Dingen lagern sich Kerben und Risse an, Raster, Schürfen und Streifen. Das so kunstvoll im Park nachgestellter Geschichte künstlich bereitete Ruinenfeld gewinnt in der Gesamtschau der Anlage unvermittelt das Ideenganze.

die Blickachsen gerinnen, verschleifen sich in den visuellen Erkundungsgängen unwillkürlich. An Lichtungen getreten, geben Ausschnitte aus schwarzdunklen Platten die Sicht frei auf hellere Gründe, auf denen sich ein Eigengewirr von Wegvegetationen entfächert. Hinter die Geometrien sorgsam berechneter Alleereihen erscheint der Linientumult geheimer Wasserspiele gelegt, die Bosketts sind eigenwillig verschoben, Spuren führen mitten durch die Rabatten und jäh jagt unterhalb der Orangerie die Fontäne in den Himmel hinein.

im verwaschenen Purpur setzt sich ein Volumenkonglomerat ab, Baukörper, Rondelle, Apsiden und weggeklappte Kuppeln. Mittelrisalit und die auskragenden Flügelbauten sind weiß und rot durchädert, die Bewegungen ihrer steinernen Zangen hinterlassen auf dem Untergrund Schleifspuren im Papier. Schwerfällig nähert sich der Architekturkrebs dem in hellem Rot strahlenden Kokon, der am rotseidenen Faden gehalten nur ganz allmählich in das Rund einer vielbogigen Arena herabgelassen wird. Dabei stößt er gern an Ornamente.

der Park ist zu bestimmten Stunden menschenleer. Besonders bei anbrechender Dunkelheit, wenn sich nur im Gegenlicht vereinzelt Konturen der Fassaden, Steinfiguren und Naturkörper abzeichnen, taumelt der spitzbrüstige Torso auf seinem Podest und raunt der in unnahbarer Nähe Posierenden Unverständliches zu. Dieses Glimmen, das Leuchten, Tropfen und Verschweben der Flächen erreicht Volker Lehnert, indem er ganz unterschiedliche Farben (Aqua, Öl, Offset u.a.) zum Druck benutzt, auch nass in nass, und in differenzierten Handabzügen je individuell umsetzt.

zwanzig Große Parkstücke schuf der Künstler in diesem selben Format, strophische Experimente einer Folge, deren Ideenentwürfe nicht unmittelbar auf Vorzeichnungen zurückgehen, jedoch Vorläufer in kleinformatigeren Blättern besitzen, verschwistert sind auch mit einer gleichnamigen Folge im kleinen Format. Wiederkehrende Gefäßformen oder Architekturdetails verbinden die Stücke, im Farbklang, der Anlagerung grafischer Einheiten wie der Verdichtung vielfachen Übereinanders einzelner Plattensegmente, die sie als Einzelne ausweisen.

am Rande begegnen dem Betrachter, Bildbesucher, der die eine Welt verlassen hat, um eine neue zu betreten, Scheinbild als Gegenwelt, ein behäbiges Ohrenglotzmonster, das seinen Rüssel verloren hat, und Zwillinge von Tentakelgeschöpfen, die in Nachtrot getaucht sind oder sehr, sehr kurze Schatten werfen, stülpen ihre Rezeptoren auf der Suche nach artverwandten Formen aus, mit denen sie den Bildorganismus weiterentwickeln können. In der Lichtblase siedeln sich Portale an, die in den Außenraum des großen Platzes führen.

erst einmal in den Hinterhalt der Kreuzungspunkte geraten, zielsichere Wegbeschreibungen an der Pforte des Gartens übersehen (wozu Gebrauchsanweisungen?), im gedankenverlorenen Lustwandel die Pfadsäume des dressierten Buxes oder des landläufigen Inventarwissens überschritten, bleiben dem Betrachter-Besucher nur die Augen und Sinne als Leitsystem, um an verwunschene Orte zu gelangen, die hartnäckig schweigenden Standbilder zu belauschen, dem Bildwachsen (Bildwuchs) zu folgen, abseits der Panoramen beleumundeter Königswege.