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EGBERT BAQUÉ CONTEMPORARY
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Wiebke Bartsch

 Objekte und Zeichnungen | Biographie | Bibliographie

Ingrid Raschke-Stuwe

Nichts ist so, wie es zu sein scheint

Unsere Kultur ist ein Kleidungsstück, das nicht sitzt, – oder jedenfalls eines, das uns nicht mehr passt. Sie ist wie eine tote Sprache, die nichts mehr mit dem Sprechen auf der Straße gemein hat. Sie wird unserem wirklichen Leben immer fremder. Sie ist auf eine sterile Clique beschränkt, wie die Kultur der Mandarine. Sie hat keine lebendigen Wurzeln mehr. Ich strebe nach einer Kunst, die direkt mit unserem täglichen Leben verbunden ist und aus ihm hervorgeht, die die unmittelbare Ausstrahlung unseres wirklichen Lebens und unserer wahren Empfindungen ist.

(Jean Dubuffet, 1901 – 1985)


Die malerische und plastische Welt des Jean Dubuffet ist bevölkert von bizarren Figuren, die dem Alltäglichen und einer scheinbaren Einfachheit verbunden sind, doppeldeutig und heiter-ironisch. Seine Arbeiten bewegen sich in einem Schwebezustand zwischen Traum und Realität als Ausdruck eines Erlebens von inneren und äußeren Wirklichkeiten.

An dieser Stelle kann man sich den plastischen Arbeiten von Wiebke Bartsch zuwenden, ohne eine mögliche Verwandtschaft zu Dubuffets Sicht auf die Welt überzustrapazieren.

Seit einiger Zeit hat die Künstlerin ihren Schwerpunkt von der Zeichnung auf keramische figurative Arbeiten verlagert, die sie mit stofflichen Accessoires ergänzt oder die sie fast völlig „einnäht“. Sie bedient sich eines Materials und einer Vorgehensweise, welche das dreidimensionale Arbeiten ermöglichen und gleichzeitig die spontane und schnelle Art der Zeichnung beibehalten. So entsteht ein Beieinander von „Stoff als greifbarer Nähe“, als etwas Weiches, Warmes, Schützendes, und der glänzenden Oberfläche der Keramik, kühl und fest, die aber dennoch die lebendigen Abdrücke, die die Hand zurücklässt, wenn sie die Materie bearbeitet, nicht nivelliert. Diese beiden sehr unterschiedlichen Stofflichkeiten symbolisieren auf eine verdeckte Weise schon die Widerspiegelung des Unvereinbaren – die Gegensätzlichkeit der Materialien als Reflex auf die Welt.

Thematisch zeigt die Künstlerin häufig Kinder in unterschiedlichen alltäglichen Situationen (schaukelnd, spielend, wartend, schauend), beschäftigt sie sich mit der Beziehung zwischen Mutter und Kind, zwischen Groß und Klein – scheinbar unauffällige, normale Situationen, die jedoch beim genauen Betrachten zuerst nur ein leichtes Unwohlsein aufkommen lassen. Dann fesseln Details den Blick, die zwangsläufig Fragen evozieren. Warum sind die Finger des Kindes so blutig, so verkrampft, warum die gekrümmte über einen Sockel gebeugte Haltung, warum der leere Blick, die seltsamen Beulen, die aus dem Kopf und der Brust des Körpers erwachsen – sind sie wirklich nur ein Schmuck –, um das Beispiel Tausendschön von 2003 zu benennen? Was verbirgt sich dahinter?

Je präziser der Blick, desto deutlicher werden die Hilflosigkeit, die Verlorenheit, die Einsamkeit und die Hoffnungslosigkeit, die diesen kleinen Personen zu eigen sind. Die schützende Hand einer Mutter scheint hier nicht aufzutauchen. Schreie verhallen ungehört im Raum wie bei der keramischen Halbfigur gebettet (2003). Ein nacktes Kind mit Löchern im Körper, der im Schrei erstarrte, mit Federn gefütterte Mund, aufgeschreckt, mit angstverzerrten Augen, aufgerichtet in einem blauen Federbett. Man weiß intuitiv, dass keine Hilfe naht, und mag auch nicht nach den Ursachen forschen, aus Angst vor den Antworten, die man erhalten könnte.

Wiebke Bartsch entwickelt Inszenierungen oder vielmehr Szenarien wie Das Auto saust, das Auto braust, in denen verschiedene Personen (Frau, Mann, Säugling) in einem Auto zusammengeführt werden und die scheinbare Normalität eines Ausfluges in ein beängstigendes Darunter oder vielmehr Dahinter zu kippen scheint, als wären die zwischenmenschlichen Konflikte in diesem „rasenden“ Gefährt eingeschlossen und schössen durch den Raum, ohne die Möglichkeit, dem Ganzen Einhalt zu gebieten.

Mit ihrer neuen Arbeit Blind Date hat die Künstlerin indirekt einen Bezug zum Titel des deutsch-chinesischen Ausstellungsprojekts "blind date" hergestellt, denn bei einem Treffen mit Unbekannten, weiß man ja auch nicht, was dabei herauskommt, ob die Hoffnungen sich erfüllen, der Plan durchführbar ist oder etwas Neues daraus erwächst. Sie hat zwölf Wesen geschaffen, deren Hüllen aus Keramik mit einer matten Glasur bestehen, und deren lebendige, fleischliche Teile aus Perlon gefertigt und pflanzlichen oder tierischen Formen entlehnt sind. Die wie Kleidung anmutenden Hüllen sind einheitlich in einem Blau-Grau gearbeitet und zum Teil mit kleinen Borden wie Häkelbordüren spielerisch verziert. Die „weichen“ Teile wachsen sozusagen aus der festen Keramik heraus, die wie ein Panzer oder Kokon wirkt. Es entsteht ein Eindruck von Eingesperrtsein, fast eine Art von Behinderung, die sich nicht durchbrechen lässt. Die unterschiedlich gefärbten Strumpfhosen jedoch erzeugen einen starken Gegensatz zur festen, einheitlich bearbeiteten Keramik, so dass die Möglichkeit, dass sich die Figuren befreien könnten, das Korsett gesprengt werden kann, dennoch zumindest als Möglichkeit mitgedacht, vielleicht auch mitgespürt werden kann. Es bleibt ein Rest von Hoffnung.

Aufgereiht liegen die Zwitterwesen einzeln in kleinen Behältnissen wie Puppenbetten oder -wiegen, Obstkisten oder Körben. Sind es gar Schaukästen oder Brutkästen? Rote Stoffbänder verbinden die Wesen mit jeweils einem tickenden Wecker – als stünde ein Rudel Lebewesen einem Rudel Uhren gegenüber. Sobald das Leben beginnt, tickt bereits die Uhr. Auch hier spielt Wiebke Bartsch mit der Doppeldeutigkeit. Ist es der Beginn von etwas Neuem, entwickelt sich hier etwas oder ist es das Ende von allem?

Die Künstlerin lässt ein grotesk-alptraumhaftes Panoptikum vor unseren Augen entstehen, oder wie Manfred Schneckenburger es ausdrückte: „Was für eine Welt, in der alles Anheimelnde zur heimlichen Gefährdung wird.“ Vielleicht muss man jedoch noch einen Schritt weitergehen und danach fragen: Was wird aus diesen ver- oder zerstörten Wesen, muss nicht der Blick in die Zukunft noch beunruhigender sein? Wiebke Bartsch führt uns ein vielschichtiges Szenario vor Augen, welches genug Spielraum für eigene Interpretationen belässt, auch wenn es so scheint, als bewegte man sich über eine aufgebrochene Teerschicht, unter der nun alles Verborgene ans Tageslicht drängt, alles nach oben quillt, von dem man zwar wusste, dass es vorhanden war, dem man sich aber entziehen konnte, solange es nicht zu sehen war.

Nichts ist eben so, wie es zu sein scheint.